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    Textauszug aus diesem Dokument

    Die historische Betrachtung von Theater geht in den allermeisten Fällen von dem aus, was noch vorhanden ist: Dramentexte, Reste von Inszenierungen wie Kostüme, Theaterbauten, Theaterkritiken. Indem man diese positive Geschichte von Theater betrachtet, versucht man zu erfassen, was Theater zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte war, seine Ausformungen, seine Wirksamkeit, seine Inhalte und Grenzen. Doch die Gegengeschichte des Theaters ist genauso vielfältig, die Theaterzensur, die Schriften, die gegen das Theater verfasst wurden, die Anfeindungen und Verfolgungen, die die Schauspieler durch die Jahrhunderte über sich ergehen lassen mussten. Die Untersuchung eines Theaters ex negativo könnte also unter Umständen eine sehr viel genauere Definition dessen ergeben, was Theater zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt war, durch die Betrachtung dessen, was es nicht war oder nicht sein durfte. Im Gegensatz zu den positiven theatergeschichtlichen Betrachtungen vermag eine gegengeschichtliche Betrachtung die affektive Dimension des Theaters effektiver zu erfassen. Theaterzensur bedeutet immer eine Zensur des Imaginären, der vermeintlichen Wirkung dessen, was zensiert wird. Sie deutet auf Ängste, auf konkrete Gefühle und auf die rezipierte Wirkmacht von Theater hin.
    Die Vorurteile gegenüber dem Theater sind von der Zeit Platons durch die Jahrhunderte bis heute unglaublich stabil geblieben: vom Vorwurf der Käuflichkeit, bei dem Schauspiel mit Prostitution gleichgesetzt wurde, bis zum Vorwurf der NichtAuthentizität, eben innerhalb des Spiels vorzugeben, man sei etwas, was man in echt nicht ist mit den dementsprechenden Auswirkungen auf die Zuschauer.
    Die Geschichte des Theaters ist also immer auch eine Geschichte der antitheatralen Vorurteile. Aus diesen Vorurteilen heraus erklären sich durchgängig durch die Jahrhunderte diverse Zensurmaßnahmen bzw. Mittel, um die Tätigkeit der Theaterschaffenden zu be oder zu verhindern. Einen guten Überblick über die Reaktionen auf das Theater von der Zeit Platons über die Kirchenväter und Rousseau bis heute gibt Jonas Barish mit seinem The Antitheatrical Prejudice 1981. Hier soll nun, sich an Barish, aber auch an dem Hauptseminar Antitheatrale Vorurteile Schriften zur Gegengeschichte des Theaters FU Berlin, WS 2007/08 von Jan Lazardzig orientierend, eine kurze Betrachtung dieser Vorurteile folgen, die zu dem Verständnis der Gründe, warum Theaterzensur ausgeübt wurde und wird, beiträgt.
    Wie schon erwähnt, lassen sich die antitheatralen Vorurteile bis zu Platon zurückverfolgen. In dem zehnten Buch von Der Staat legt Platon unmissverständlich fest, dass das Theater in seinem idealen Staat keinen Platz findet, da die dichterische Nachahmung das nährt und begießt , was doch absterben sollte, und macht das zum Herrscher über uns, was doch beherrscht werden sollte, damit wir besser und glücklicher und nicht schlechter und unglücklicher werden. Ein Staat, indem also das Theater einen festen Platz in der Gemeinschaft hat, wird als Konsequenz haben, dass Lust und Schmerz König sein [werden] statt des Gesetzes und der Vernunft Platon 2004: 443444. Platons Theaterkritik, die vor allem auf der von ihm rezipierten Wirksamkeit von Theater beruht, soziale oder politische Veränderungen zu provozieren, sowie auf der Nachahmung als einzigem KunstPrinzip von Theater, wird erst im 18. Jahrhundert mit dem Aufkommen der Ästhetik durch beispielsweise Lessing überwunden und Theater so aus dem MimesisRahmen herausgelöst.
    Auch im frühen Rom wurde Theater kritisch beäugt mit dem Höhepunkt der Skepsis in der Zeit des Römischen Reichs. Den Schauspielern wurden die Menschenrechte verwehrt, ihr Überleben hing von der Willkür des Staates ab und trotzdem durften weder sie noch ihre Nachkommen den Beruf wechseln. Barish kommentiert die Ambivalenz der damaligen römischen Situation folgendermaßen:
    The law thus created and maintained a hereditary disgraced caste, whose members were cruelly persecuted and yet at the same time forbidden to take up any honourable calling. Like prostitution, the stage had come to be thought of as a necessary evil. As it was evil, its practitioners had to be humiliated and punished for their part in it. But as it was necessary, they had also to be prevented from making their escape from it, since it continuance needed to be guaranteed. [...]
    Die Kirchenväter widersetzten sich ihrerseits auf das Heftigste dem Theater, dessen Besuch und Ausübung sie Christen ausdrücklich verboten. Um ihren Kritiken noch mehr Gewicht zu verleihen, griffen sie auf Platon und dessen Vorwurf der Unmoral von Theaterspielen zurück. Der Text von Quintus Septimius Tertullianus De spectaculis/Über die Spiele, der um 200 erschien, ist eine religiöse Hetzschrift gegen das Schauspiel, dem Tertullian nicht nur Sittenlosigkeit und Unzüchtigkeit vorwarf, sondern auch den Vorsatz, das Christentum vernichten zu wollen.
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