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VORFAHRT UND LIEBE
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Themen: buch roman bücher krimi spiel heilbronn Kategorie: Literatur/Texte/Lyrik
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| Autor: | |
| Veröffentlicht: | Dezember 2011 |
| Art des Textes: | Roman/Epos |
| Thema: | Kurzgeschichte |
| Lizenz: | Namensnennung, nicht kommerziell, keine Bearbeitung |
Textauszug aus diesem Dokument
[JEWGENIJ FJODOROWITSCH KRASOV] Nach einer wahren Geschichte. Sorgfältig recherchiert, ausführlich aufbereitet und psychologisch analysiert. Nicht nur zur Erbauung, auch zur Ermahnung betroffener Personen. T Seite 3
[Aus TREUFLEISCH] Gespräch am See Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral Aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht Sonntag, 28. März 2010 nach 23:12 Uhr Du willst von mir wissen, ob es nur ein Gerücht war, oder ob es ihn wirklich gab? Ja, es gab ihn wirklich, den sogenannten FKK, oder den Freundeskreis für Kultur. Jedenfalls nannten die sich so. Damals kursierten in der Stuttgarter Geld und SchickeriaSzene viele Gerüchte über eine großzügig sprudelnde Finanzierungsquelle für die kleineren Notfälle. Nicht für die ganz großen Sachen. Das war nicht so sein Ding. Eher für die kurzfristigen Engpässe und Widrigkeiten beim begüterten Bildungs und Wohlstandsbürger. Beim Russen bekamst du Hilfe und das schnelle Geld, unkompliziert und ohne lästige Formalitäten für Seite 4
[JEWGENIJ FJODOROWITSCH KRASOV] Zwischendurch und für Stunden, für ein paar Tage, und manchmal auch für Wochen und Monate dann wenn man nicht zur Bank gehen konnte, oder die Familie von den kleinen Schwächen und Lastern nichts erfahren sollte. Und wenn du ein Problem hattest, oder einen besonderen Wunsch der etwas außerhalb der Normalität war, dann war der Russe die richtige Adresse. Den Duft der Gerüchteküche konnte man nicht auf der Straße, oder auf den Etagentreppen zwischen Kehrwoche und Maultaschen riechen. Dazu gehörte schon mehr. Man musste die richtigen Verbindungen besitzen. Die Empfehlungen bekam man von Freunden im Stuttgarter Altstadtviertel, zwischen Viertele, Champagner und Koks. Ja, ich weiß es. Du musst mich nicht daran erinnern. Es stand ja in allen Zeitungen, dass auch ich gute Kontakte zu ihm gehabt haben soll. Auch ich soll ein Freund Seite 5
[Aus TREUFLEISCH] gewesen sein. Aber das ist von der Schmierpresse frei erfunden. Ich kannte den Ziegenficker nur oberflächlich, und es war ein rein geschäftlicher Kontakt. Aber ich möchte ausdrücklich betonen, dass er niemals mein Freund war, und zum FKKKreis hatte ich keinen Zugang. Ob sich die Geschichte so und nicht anders ereignet hat? Du zweifelst an meiner Aufrichtigkeit? Ob ich vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas verbessert, oder weggelassen habe? Du kannst ja blöde Fragen stellen. Alles ist genau so geschehen, wie ich es dir erzähle. Aber die Frage nach dem Warum habe ich mir auch immer wieder gestellt, und bis heute habe ich keine vernünftige Antwort gefunden. Du schaust auf meine linke Hand? Ob ich da eine Verletzung habe? Nein, eigentlich nicht. Wie kommst du da drauf? Seite 6
[JEWGENIJ FJODOROWITSCH KRASOV] Warum ich den Handschuh nicht ausziehe? Es ist eine lange, aber auch eine ziemlich verworrene Geschichte. Du möchtest sie hören und ein Buch darüber schreiben? Setz dich zu mir auf die Bank. Hier sitze ich oft und gern. Wir haben hier einen schönen Blick auf den Klostergartensee. Wenn du etwas Zeit und eine Flasche Korn mitgebracht hast, erzähle ichsie dir. Seite 7
[Aus TREUFLEISCH] Vorfahrt und Liebe Ja, du hast recht. Andere, Unschuldige und auch Unbedarfte als ahnungslose Mittel zum Zweck zu benützen ist nicht schön. Ja, es stimmt. Manchmal benütze ich solche Leute um sie zu erleichtern. Aber was soll ich tun? Geld zu besitzen ist nun mal die bessere Alternative, als zu hungern. Ob ich mein Verhalten unmoralisch finde? Nein. Du findest mein Verhalten unmoralisch? Dann lässt du dich blenden. Das was ich tu ist nur zum Wohl der Allgemeinheit, und damit sich die Welt bewegt. Du schüttelst den Kopf. Du verstehst mich nicht? Dann will ich es dir erklären. Moral ist wertvoll, aber Nützlichkeit ist wertvoller als Moral. Moral bedeutet Stillstand. Nur Nutzen bewegt die Welt. Was kannst du daraus lernen? Nutzen ist und bleibt ein ewig geltender Wertmaßstab zum Wohl unseres Planeten. Sina Sidonius Mai 2005 Er lag gut in der Hand und Jewgenij Fjodorowitsch Krasovs Stimmung begann sich zu verbessern. Der Seite 8
[JEWGENIJ FJODOROWITSCH KRASOV] Maurerhammer war für siebzehn Euro und fünfundneunzig Eurocent ein günstiges Sonderangebot gewesen, und die Nachmittagssonne brachte das Werkzeug zum glänzen. Er mochte den Hammer, den er seit einigen Monaten sein Eigen nannte. Für einen Moment waren seine Sorgen verschwunden, und er dachte sogar daran, alle Fünf gerade sein zu lassen. Aber die nicht zu verdrängende Frage: Für was mach ich das alles? begann wieder sein Gemüt zu verdüstern, und es gab niemand mit dem er unbefangen über seine Sorgen und Nöte sprechen konnte. Er ließ es sich nicht anmerken, aber in einsamen Stunden der Muse und Besinnung, dann wenn das anstrengende Tagewerk vollbracht war, oder auch spät in den zu häufig durchwachten Nächten, verspürte Jewgenij Fjodorowitsch Krasov den alles überlagernden Drang, ohne Zwang nur noch sensibler Mensch und nicht mehr...
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[Aus TREUFLEISCH] Gespräch am See Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral Aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht Sonntag, 28. März 2010 nach 23:12 Uhr Du willst von mir wissen, ob es nur ein Gerücht war, oder ob es ihn wirklich gab? Ja, es gab ihn wirklich, den sogenannten FKK, oder den Freundeskreis für Kultur. Jedenfalls nannten die sich so. Damals kursierten in der Stuttgarter Geld und SchickeriaSzene viele Gerüchte über eine großzügig sprudelnde Finanzierungsquelle für die kleineren Notfälle. Nicht für die ganz großen Sachen. Das war nicht so sein Ding. Eher für die kurzfristigen Engpässe und Widrigkeiten beim begüterten Bildungs und Wohlstandsbürger. Beim Russen bekamst du Hilfe und das schnelle Geld, unkompliziert und ohne lästige Formalitäten für Seite 4
[JEWGENIJ FJODOROWITSCH KRASOV] Zwischendurch und für Stunden, für ein paar Tage, und manchmal auch für Wochen und Monate dann wenn man nicht zur Bank gehen konnte, oder die Familie von den kleinen Schwächen und Lastern nichts erfahren sollte. Und wenn du ein Problem hattest, oder einen besonderen Wunsch der etwas außerhalb der Normalität war, dann war der Russe die richtige Adresse. Den Duft der Gerüchteküche konnte man nicht auf der Straße, oder auf den Etagentreppen zwischen Kehrwoche und Maultaschen riechen. Dazu gehörte schon mehr. Man musste die richtigen Verbindungen besitzen. Die Empfehlungen bekam man von Freunden im Stuttgarter Altstadtviertel, zwischen Viertele, Champagner und Koks. Ja, ich weiß es. Du musst mich nicht daran erinnern. Es stand ja in allen Zeitungen, dass auch ich gute Kontakte zu ihm gehabt haben soll. Auch ich soll ein Freund Seite 5
[Aus TREUFLEISCH] gewesen sein. Aber das ist von der Schmierpresse frei erfunden. Ich kannte den Ziegenficker nur oberflächlich, und es war ein rein geschäftlicher Kontakt. Aber ich möchte ausdrücklich betonen, dass er niemals mein Freund war, und zum FKKKreis hatte ich keinen Zugang. Ob sich die Geschichte so und nicht anders ereignet hat? Du zweifelst an meiner Aufrichtigkeit? Ob ich vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas verbessert, oder weggelassen habe? Du kannst ja blöde Fragen stellen. Alles ist genau so geschehen, wie ich es dir erzähle. Aber die Frage nach dem Warum habe ich mir auch immer wieder gestellt, und bis heute habe ich keine vernünftige Antwort gefunden. Du schaust auf meine linke Hand? Ob ich da eine Verletzung habe? Nein, eigentlich nicht. Wie kommst du da drauf? Seite 6
[JEWGENIJ FJODOROWITSCH KRASOV] Warum ich den Handschuh nicht ausziehe? Es ist eine lange, aber auch eine ziemlich verworrene Geschichte. Du möchtest sie hören und ein Buch darüber schreiben? Setz dich zu mir auf die Bank. Hier sitze ich oft und gern. Wir haben hier einen schönen Blick auf den Klostergartensee. Wenn du etwas Zeit und eine Flasche Korn mitgebracht hast, erzähle ichsie dir. Seite 7
[Aus TREUFLEISCH] Vorfahrt und Liebe Ja, du hast recht. Andere, Unschuldige und auch Unbedarfte als ahnungslose Mittel zum Zweck zu benützen ist nicht schön. Ja, es stimmt. Manchmal benütze ich solche Leute um sie zu erleichtern. Aber was soll ich tun? Geld zu besitzen ist nun mal die bessere Alternative, als zu hungern. Ob ich mein Verhalten unmoralisch finde? Nein. Du findest mein Verhalten unmoralisch? Dann lässt du dich blenden. Das was ich tu ist nur zum Wohl der Allgemeinheit, und damit sich die Welt bewegt. Du schüttelst den Kopf. Du verstehst mich nicht? Dann will ich es dir erklären. Moral ist wertvoll, aber Nützlichkeit ist wertvoller als Moral. Moral bedeutet Stillstand. Nur Nutzen bewegt die Welt. Was kannst du daraus lernen? Nutzen ist und bleibt ein ewig geltender Wertmaßstab zum Wohl unseres Planeten. Sina Sidonius Mai 2005 Er lag gut in der Hand und Jewgenij Fjodorowitsch Krasovs Stimmung begann sich zu verbessern. Der Seite 8
[JEWGENIJ FJODOROWITSCH KRASOV] Maurerhammer war für siebzehn Euro und fünfundneunzig Eurocent ein günstiges Sonderangebot gewesen, und die Nachmittagssonne brachte das Werkzeug zum glänzen. Er mochte den Hammer, den er seit einigen Monaten sein Eigen nannte. Für einen Moment waren seine Sorgen verschwunden, und er dachte sogar daran, alle Fünf gerade sein zu lassen. Aber die nicht zu verdrängende Frage: Für was mach ich das alles? begann wieder sein Gemüt zu verdüstern, und es gab niemand mit dem er unbefangen über seine Sorgen und Nöte sprechen konnte. Er ließ es sich nicht anmerken, aber in einsamen Stunden der Muse und Besinnung, dann wenn das anstrengende Tagewerk vollbracht war, oder auch spät in den zu häufig durchwachten Nächten, verspürte Jewgenij Fjodorowitsch Krasov den alles überlagernden Drang, ohne Zwang nur noch sensibler Mensch und nicht mehr...
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