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Thesen Theatralität der Politik
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Themen: politik Kategorie: Skripte/Materialien
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| Autor: | |
| Universität: | Freie Universität Berlin |
| Veranstaltung: | Prüfungsthema Magister Theaterwissenschaft |
| Thema: | Kultur/Medien |
| Lizenz: | Public Domain (nicht urheberrechtlich geschützt) |
Textauszug aus diesem Dokument
Im Herbst 1990 berichteten Zeitungen und Zeitschriften sowie das Fernsehen täglich über ein Projekt der hindufundamentalistischen Parteien VHP und BJP: den Rath Yatra. Diese visuell nicht sonderlich beeindruckende Prozession, die über sechs Wochen hinweg Nordindien durchquerte (angefangen in Somnath mit dem Ziel Ayodhya), zog weitreichende Unruhen, Kämpfe und Massenverhaftungen nach sich. Bis zu 18 000 Soldaten waren nur in Ayodhya im Einsatz, über 200.000 Inder wurden verhaftet. Der Mitorganisator des Rath, die BJP (Indische Volkspartei), zog sich aus der Regierungskoalition zurück, was den Sturz der Regierung provozierte. Die Babri Moschee in Ayodhya, Ziel der Prozession und (inszenierte) Ursache der Unruhen, wurde in dieser Zeit von gläubigen Hindus erheblich beschädigt.
Diese Ereignisse markieren die ersten direkten Angriffe auf die Babri Moschee, die bis zu diesem Zeitpunkt nur ein lokaler Konfliktherd war, und führen zu ihrer völligen Zerstörung zwei Jahre später, was wiederum zu einer neuen Welle von Unruhen und Kämpfen zwischen Hindus, Muslimen und der Polizei in ganz Indien führt.
Meine These ist, dass die Prozession von Ramas Streitwagen (Rath Yatra) verantwortlich dafür war, dass der Disput um die Babri Moschee in Ayodhya zu einer Hauptangelegenheit im öffentlichen Diskurs wurde und letztlich zu ihrer völligen Zerstörung führte. Die Frage, die hierbei aufgeworfen wird, ist, wie es möglich ist, dass eine visuell unscheinbare Prozession (für indische Verhältnisse), angeführt von einer kleinen Wahlpartei, die eine Kontroverse über eine Moschee aus dem 16. Jh. in einer abgelegenen Pilgerstadt wieder aufleben lässt, solch ein Ausmaß an sozialen Unruhen, politischem Umbruch und öffentlicher Debatte generieren konnte. Diese Fragestellung birgt die weitere These, dass durch die gezielte Inszenierung von Teilen der Ramlila, vor allem die mit großer ikonographischer Wirkung, sowie der performativen Hervorbringung des strukturellen Konflikts des Ramayana durch die Prozession, die Organisatoren BJP und VHP (Vishva Hindu Parishad, dt. Welt-Hindu-Rat) eine kontinuierliche liminale Situation für das Publikum schaffen konnten, aus der heraus diese massiven Unruhen möglich waren.
Die Theatralität dieser politisch-religiösen Prozession soll dabei, dem Ansatz folgend, der Theatralität als Perspektive auf Kunst und Kultur versteht, anhand der vier Aspekte Performance, Inszenierung, Korporalität und Wahrnehmung und ihrer Relation untereinander analysiert werden. Dabei muss allerdings dem Umstand Sorge getragen werden, dass es sich bei der Ramlila um ein Ritual-Theater handelt, was die Aufführungserfahrung des Publikums entscheidend beeinflusst.
Die Ramlila, die zwischen 10 und 32 (Ramnagar Ramlila) Tagen andauern kann, ist nicht nur die theatrale Darstellung des Lebens von Rama, sondern gleichzeitig Ritual. Die Inszenierung und/oder Teilnahme an einer Ramlila, die jährlich im September/Oktober stattfindet, ist für einen gläubigen Hindu gleichzeitig ein frommer Dienst. Die theatrale Form dient nicht nur dazu, das göttliche Wirken darzustellen, vielmehr werden die Götter im und durch das Spiel real und somit spürbar. Die Schauspieler sind für die Dauer der \\\'lila\\\' Rama, Sita oder Lakshaman und werden vom Publikum dementsprechend verehrt. Diese Verwandlung der Darsteller in Götter und des Ortes in eine heilige Stätte ist dabei charakteristisch für das Ritual und bietet dem Publikum die Möglichkeit eines direkten Kontakts zwischen Menschen und Göttern. Es kommt bei der \\\'lila\\\' darauf an, Gott zu sehen und von Gott gesehen zu werden. Bezeichnend für den Ritualcharakter der Ramlila ist zudem, dass die richtige Ausführung am wichtigsten ist: Jeder Tag der \\\'lila\\\' ist streng durchstrukturiert mit \\\'japa\\\' und \\\'yanjna\\\' (Gesänge und Segnungen), \\\'arati\\\' (eine typische Form der Gottesverehrung, die am Ende jedes Tages durchgeführt wird mit Hilfe einer Öllampe), den \\\'manas\\\' (tableauxartige Darstellungen der wichtigsten Szenen, der an dem Tag aufgeführten Teils der \\\'lila\\\') bzw. der Prozession und Pilgerung. Die Zuschauer imitieren dabei Ramas Reisen, indem sie dem Schauspiel von Ort zu Ort folgen (bei der Ramnagar Ramlila wird eine Fläche von 25 km² bereist). Die Bewegung ist somit Hauptteil der Ramlila, insofern als dass die Handlung, die an Ort A am Ende des Tages aufhört, am nächsten Tag nicht an Ort B weitergeht, sondern, dass die Bewegung von Ort A zu Ort B essentieller Bestandteil der Aufführungserfahrung ist.
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Diese Ereignisse markieren die ersten direkten Angriffe auf die Babri Moschee, die bis zu diesem Zeitpunkt nur ein lokaler Konfliktherd war, und führen zu ihrer völligen Zerstörung zwei Jahre später, was wiederum zu einer neuen Welle von Unruhen und Kämpfen zwischen Hindus, Muslimen und der Polizei in ganz Indien führt.
Meine These ist, dass die Prozession von Ramas Streitwagen (Rath Yatra) verantwortlich dafür war, dass der Disput um die Babri Moschee in Ayodhya zu einer Hauptangelegenheit im öffentlichen Diskurs wurde und letztlich zu ihrer völligen Zerstörung führte. Die Frage, die hierbei aufgeworfen wird, ist, wie es möglich ist, dass eine visuell unscheinbare Prozession (für indische Verhältnisse), angeführt von einer kleinen Wahlpartei, die eine Kontroverse über eine Moschee aus dem 16. Jh. in einer abgelegenen Pilgerstadt wieder aufleben lässt, solch ein Ausmaß an sozialen Unruhen, politischem Umbruch und öffentlicher Debatte generieren konnte. Diese Fragestellung birgt die weitere These, dass durch die gezielte Inszenierung von Teilen der Ramlila, vor allem die mit großer ikonographischer Wirkung, sowie der performativen Hervorbringung des strukturellen Konflikts des Ramayana durch die Prozession, die Organisatoren BJP und VHP (Vishva Hindu Parishad, dt. Welt-Hindu-Rat) eine kontinuierliche liminale Situation für das Publikum schaffen konnten, aus der heraus diese massiven Unruhen möglich waren.
Die Theatralität dieser politisch-religiösen Prozession soll dabei, dem Ansatz folgend, der Theatralität als Perspektive auf Kunst und Kultur versteht, anhand der vier Aspekte Performance, Inszenierung, Korporalität und Wahrnehmung und ihrer Relation untereinander analysiert werden. Dabei muss allerdings dem Umstand Sorge getragen werden, dass es sich bei der Ramlila um ein Ritual-Theater handelt, was die Aufführungserfahrung des Publikums entscheidend beeinflusst.
Die Ramlila, die zwischen 10 und 32 (Ramnagar Ramlila) Tagen andauern kann, ist nicht nur die theatrale Darstellung des Lebens von Rama, sondern gleichzeitig Ritual. Die Inszenierung und/oder Teilnahme an einer Ramlila, die jährlich im September/Oktober stattfindet, ist für einen gläubigen Hindu gleichzeitig ein frommer Dienst. Die theatrale Form dient nicht nur dazu, das göttliche Wirken darzustellen, vielmehr werden die Götter im und durch das Spiel real und somit spürbar. Die Schauspieler sind für die Dauer der \\\'lila\\\' Rama, Sita oder Lakshaman und werden vom Publikum dementsprechend verehrt. Diese Verwandlung der Darsteller in Götter und des Ortes in eine heilige Stätte ist dabei charakteristisch für das Ritual und bietet dem Publikum die Möglichkeit eines direkten Kontakts zwischen Menschen und Göttern. Es kommt bei der \\\'lila\\\' darauf an, Gott zu sehen und von Gott gesehen zu werden. Bezeichnend für den Ritualcharakter der Ramlila ist zudem, dass die richtige Ausführung am wichtigsten ist: Jeder Tag der \\\'lila\\\' ist streng durchstrukturiert mit \\\'japa\\\' und \\\'yanjna\\\' (Gesänge und Segnungen), \\\'arati\\\' (eine typische Form der Gottesverehrung, die am Ende jedes Tages durchgeführt wird mit Hilfe einer Öllampe), den \\\'manas\\\' (tableauxartige Darstellungen der wichtigsten Szenen, der an dem Tag aufgeführten Teils der \\\'lila\\\') bzw. der Prozession und Pilgerung. Die Zuschauer imitieren dabei Ramas Reisen, indem sie dem Schauspiel von Ort zu Ort folgen (bei der Ramnagar Ramlila wird eine Fläche von 25 km² bereist). Die Bewegung ist somit Hauptteil der Ramlila, insofern als dass die Handlung, die an Ort A am Ende des Tages aufhört, am nächsten Tag nicht an Ort B weitergeht, sondern, dass die Bewegung von Ort A zu Ort B essentieller Bestandteil der Aufführungserfahrung ist.
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Die Theatralität dieser politisch-religiösen Prozession soll dabei, dem Ansatz folgend, der Theatralität als Perspektive auf Kunst und Kultur versteht, anhand der vier Aspekte Performance, Inszenierung, Korporalität und Wahrnehmung und ihrer Relation untereinander analysiert werden. Dabei muss allerdings dem Umstand Sorge getragen werden, dass es sich bei der Ramlila um ein Ritual-Theater handelt, was die Aufführungserfahrung des Publikums entscheidend beeinflusst.
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