Lade Dokument...

Das Experiment

PDF Dokument, ca. 6.062 Wörter

Themen: simulation arzt unfall Kategorie: Literatur/Texte/Lyrik

3030Views
268Downloads
Autor:
Veröffentlicht:Dezember 2010
Art des Textes:Kurzgeschichte
Thema:Kurzgeschichte
Lizenz: Namensnennung, nicht kommerziell, keine Bearbeitung
  • Ein Experiment, das an die Grenze führt.

Kommentare zu diesem Dokument

  • Hochinteressante Geschichte. Absolut lesenswert!
  • Spannend, kurzweilig, mit Tiefgang. Das, was man platt als »nachdenkenswert« einstufen würde.
  • Absolut lesenswert

Textauszug aus diesem Dokument

Eintrag 1 Man braucht nicht viel. Ein temperiertes Zimmer, Fenster mit Tageslicht, einen Tisch, einen Stuhl, Stifte, Papier, eine Lampe, eine Liege, Decken, ein paar Einrichtungen für die Körperhygiene, drei Mahlzeiten am Tag. Jede Einengung ist Er weiterung. Man braucht einige Tage, bis das Le ben sich darauf eingestellt hat, sich befreit hat von der Gier nach Lärm, Kontakt und Infor mation. Man braucht einige Tage, bis die Ein schränkung als Gelegenheit gesehen wird, seine Gedanken auf die Reise zu schicken. 5
Dr. Werner meinte gestern, ein Antrag auf Haft verschonung sei aussichtslos. Schließlich sei ein Mensch ums Leben gekommen. Wie auch immer. Über Mord oder Totschlag werde man später be finden müssen. Vor Gericht. Er jedenfalls, er je denfalls wolle alle Möglichkeiten ausschöpfen. Dabei müsse ich schon mithelfen. Bislang sei ich in dieser Angelegenheit wenig hilfreich gewesen. Meine Ausführungen seien, ich solle es ihm nicht übelnehmen, verwirrend, bisweilen konfus, bei allem Respekt. Ich solle mal in Ruhe in den nächsten Tagen aufschreiben, was mir durch den Kopf ginge. Möglicherweise könne er später sei ne Verteidigung darauf aufbauen. Möglicherwei se. Gut, habe ich ihm gesagt, ich mache das so. Aber ich brauche Zeit, habe ich ihm gesagt. Zeit, Zeit, sagte er, Zeit hätte ich genug. Er könne sich nicht vorstellen, dass die Staatsanwaltschaft einen An trag stelle, mich aus der UHaft zu entlassen. Und das Verfahren, sagte er, das Verfahren ach Gott. Bei dem, was ich bislang zur Sache ausge sagt hätte, würde man an die Terminierung des Verfahrens noch nicht denken können. Dafür 6
Müsse ich Verständnis haben. Dafür habe ich Verständnis, mehr als Dr. Werner möchte. Verständnis und Zeit. Ich folge seiner Empfehlung. Nicht seiner Eitel keit wegen, die sich prima entfalten würde, wenn er Erfolg haben sollte. Nicht seinetwegen, mei netwegen. Ich will mir selbst darüber klar wer den, was geschehen ist. Also schreibe ich es auf. Nicht für Dr. Werner, sondern für mich. Er kann später darauf aufbauen, was er möchte. Eintrag 2 Ich werde in Erinnerungen kramen müssen. Das ist mühsam, das Ergebnis unzureichend. Kaum ist etwas geschehen und wahrgenommen, lagert es sich in ein Archiv. Aber dort bleibt es nicht, wie es geschehen ist. Das Geschehene verändert sich. Lücken entstehen. Versatzstücke bleiben, die neu montiert werden und zu einer veränderten Ge schichte werden. Manchmal werden Erinnerungs stücke hineingeflochten, die aus einer ganz ande 7
Ren Geschichte stammen. Wie soll es gelingen, sich so zu erinnern, wie es geschehen ist? Die Wahrheit ist nur einmalig, in dem Moment, in dem sie geschieht. Danach ist sie eine Geschichte. Und wenn diese Geschichte aufgeschrieben werden soll, so wie es Dr. Werner wünscht, wird sie in Sprachmuster gezwängt. Da durch wird sie erzählbar, aber auch immer weni ger wahr. Fest steht, dass es einen Autounfall gab. Dafür gibt es Zeugen, dafür gibt es Zeitungsmeldungen. Diese habe ich erst Monate später gelesen, eben falls in einem Archiv, im Archiv der Lokalpresse, an einem Bildschirm. In der Mittagszeit geriet ein Kleinlastwagen auf der A 31 zwischen den Anschlussstellen Rhede und Papenburg aus Richtung Süden kommend über die Leitplanken des Mittelstreifens. Das Fahrzeug überschlug sich auf der Gegenfahr bahn, wo es auf der Seite liegen blieb. Zehn Fahrzeuge aus Richtung Norden fuhren in den Transporter hinein, da die Fahrzeugführer offen 8
Sichtlich nicht rechtzeitig bremsen konnten. Ein PKW brannte aus, die Insassen in diesem Fahr zeug kamen auf schreckliche Weise ums Lebens. Die Insassen weiterer Fahrzeuge wurden teil weise schwer verletzt und mussten mit einem Hubschrauber und einigen Ambulanzwagen in Krankenhäuser der Region und in die Nieder lande transportiert werden. Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste waren schnell zur Stelle. Die Autobahn war noch etwa vier Stunden für den Verkehr aus beiden Richtungen gesperrt. Der Gesamtschaden wird auf etwa 900.000 Euro ge schätzt. Ich war damals der Fahrer des vierten PKW, wel chen ich in den aufkreischenden und wummern den Blechhaufen hineinsteuerte. An dieser Stelle oder etwas früher wird meine Erinnerung ein setzen müssen. Die Erinnerung an eine Geschich te, die es niemals geben würde, wenn ich damals gestorben wäre. Der Übergang vom Leben zum Tod war jedenfalls sehr nahe. Dr. Werner mag diese Geschichte nicht. Dreimal habe ich versucht, ihm zu erzählen, wie alles be 9
Gann. Beim dritten Mal fuhr er mir in die Parade: \"Herr Dr. Ahrmann, diesen Unfall, den sie mir erzählen, hat es tatsächlich gegeben. Kein Zwei fel. Sie aber, Herr Dr. Ahrmann, waren zu der Zeit des Unfalls als Oberarzt an ihrem Arbeits platz in einem der Krankenhäuser, die einige der ...
Gesamtes Dokument lesen »

Personen denen dieses Dokument gefällt