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Aus ungeklärten Gründen
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Themen: trauer unfall zufall Kategorie: Literatur/Texte/Lyrik
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| Autor: | |
| Veröffentlicht: | August 2010 |
| Art des Textes: | Kurzgeschichte |
| Thema: | Kurzgeschichte |
| Lizenz: | Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen |
Textauszug aus diesem Dokument
Solche Dinge ereignen sich immer, wenn es be sonders unpassend ist. Chef, sagte ich, erin nern Sie sich, ich habe Sie gestern um diesen Ter min gebeten. Gehen Sie schon hat er geant wortet. Aber denken Sie an den Auftrag von Lessmann, dass der uns bloß nicht durch die Lappen geht. Wenn Sie damit fertig sind, empfehle ich Ihnen, noch mal bei ihm anzurufen. Der Auftrag ist Gold wert. wenn Sie damit fertig sind damit damit womit? Wie kann man eine solche Angelegenheit nur als 5
Damit bezeichnen? Er steht mitten im Leben, ihn interessiert nur der Auftrag von Lessmann und morgen ein Auftrag von Müller und dann einer von Meier und so weiter. Hauptsache der Laden läuft. Dass es auch noch so heiß sein muss. Mindestens dreißig Grad da draußen. Und dann die engen Klamotten und die Krawatte und die engen Schu he. Hier in der Halle ist es deutlich kühler. Als ich hereinkam, war es im ersten Augenblick wie eine Erfrischung. Nur der Anlass erlaubt es nicht, sich frisch und belebt zu fühlen. Die Stühle sind wie immer hart und unbequem. Sicherlich werde ich hier eine knappe Stunde sit zen müssen, bis alles vorbei ist. Wenn man zwi schendurch zum Aufstehen genötigt wird, beim Vaterunser etwa, wird es eine Erholung sein für den Hintern und für die Knie. Einstweilen wird man sitzen müssen und warten.
Da steht sie, die Kiste. Auf die äußerlich edle Art geschreinert, mit sterilen und teuren Blumen ge schmückt, davor die Kränze mit Schleifen. Betti 6
Na. Deine Kinder Jörg und Mareike. Deine Mut ter. Ein letzter Gruß. Diese Blumen und Kränze verströmen einen in tensiven und herben Geruch. Der Duft wirkt ge nau so künstlich wie die Blumen, in Gewächshäu sern herangezogen, schnell, unerbittlich gedüngt, einem einzigen Zwecke dienstbar: Ein letzter Gruß, drei Tage mindestens haltbar.
Der Sarg. Darin liegt Frank. Tot. Vor genau einer Woche habe ich noch mit ihm gesprochen, über dies und das, über die Arbeit, über das bevorste hende Wochenende. Er müsse mal wieder etwas mit Bettina unternehmen. Die Krise, die sie wo chenlang beredet haben, sei fast beendet. Vermut lich nicht durch eine Lösung, sondern durch Er müdung, durch ständiges Reden im Kreise. Zum Schluss: Mach es gut. Selber auch. Grüße an Bettina.
Im Sarg liegt Frank. Wirklich? Der Sarg ist ge schlossen. Man wird ihn nicht wieder öffnen. Von hier aus geht es zum ausgegrabenen Loch, rituel les Einsenken, fertig. Man wird sich nicht mehr überzeugen können, ob Frank in der Kiste liegt 7
Oder ein anderer oder niemand. Man könnte hier derart über den Tisch gezogen werden, unglaub lich. Aber warum sollte man so etwas tun? Der Gedanke entwickelt sich nur, weil man das Unmögliche erhofft. Im Sarg liegt möglicherwei se jemand, den man nicht kennt. Und man sitzt hier und verfolgt Franks letzte Reise. Aber Frank spaziert unterdessen an einem Seeufer entlang, ist lebendig und vergnügt. Irgendwann trifft man Frank wieder, erzählt ihm die ganze Geschichte. Frank schlägt sich auf die Schenkel, lacht: Das könnte euch so passen, ich lebe noch, quickleben dig, ich gebe mir noch ein paar Jahrzehnte. So schnell noch nicht, bitte sehr. Man hört geradezu seine Art zu sprechen, seine Stimme, das unentwegt auftrumpfend Positive, diese ständige Dominanz, Einwände und Zöger lichkeiten hinwegfegend. Zweifellos liegt Frank im Sarg, niemand sonst, oder das, was von Frank übrig geblieben ist. Bei meinem Anruf bei Bettina sagte sie, der Beerdigungsunternehmer habe da von abgeraten, Frank noch einmal anzusehen. Behalten Sie ihn so in Erinnerung, wie Sie ihn 8
Zuletzt gesehen haben, hatte er gesagt. Ich habe mich daran gehalten, hatte Bettina durchs Tele fon seltsam teilnahmslos mitgeteilt. Aber ich bin unsicher. Tue, was der Mann gesagt hat, habe ich geant wortet. Ob Bettina sich den Sarg noch einmal hat öffnen lassen? Ich werde sie später danach fra gen.
Was mag da in der Kiste liegen? Frank, zweifel los Frank. Aber welcher Frank? Ein Frank, der in der Nacht von Donnerstag auf Freitag gegen halb drei in einer leichten Kurve von der Fahrbahn ab gekommen ist, aus ungeklärten Gründen, so die Samstagszeitung, und seitlich gegen einen Baum geschleudert wurde. Die Feuerwehr musste ihn aus dem Wagen schweißen. Der Unfallarzt konnte nur noch den Tod des Fahrers feststellen.
Eine relativ kleine Meldung auf der Lokalseite mit einem Foto eines völlig zerstörten Fahrzeu ges, vermischt mit längeren Meldungen über die Entwicklung eines neuen Baugebietes und über die 25JahrFeier irgendeines Autohauses und an 9
Deres. Ich habe das Foto gesehen, überflogen, wieder so ein Idiot gemurmelt, die nächste Seite aufge faltet. Ich hätte auf dem Foto Franks Wagen er kennen müssen. Aber nein. Es kommen doch ver lässlich immer nur Menschen ums Leben, die man nicht kennt.
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Damit bezeichnen? Er steht mitten im Leben, ihn interessiert nur der Auftrag von Lessmann und morgen ein Auftrag von Müller und dann einer von Meier und so weiter. Hauptsache der Laden läuft. Dass es auch noch so heiß sein muss. Mindestens dreißig Grad da draußen. Und dann die engen Klamotten und die Krawatte und die engen Schu he. Hier in der Halle ist es deutlich kühler. Als ich hereinkam, war es im ersten Augenblick wie eine Erfrischung. Nur der Anlass erlaubt es nicht, sich frisch und belebt zu fühlen. Die Stühle sind wie immer hart und unbequem. Sicherlich werde ich hier eine knappe Stunde sit zen müssen, bis alles vorbei ist. Wenn man zwi schendurch zum Aufstehen genötigt wird, beim Vaterunser etwa, wird es eine Erholung sein für den Hintern und für die Knie. Einstweilen wird man sitzen müssen und warten.
Da steht sie, die Kiste. Auf die äußerlich edle Art geschreinert, mit sterilen und teuren Blumen ge schmückt, davor die Kränze mit Schleifen. Betti 6
Na. Deine Kinder Jörg und Mareike. Deine Mut ter. Ein letzter Gruß. Diese Blumen und Kränze verströmen einen in tensiven und herben Geruch. Der Duft wirkt ge nau so künstlich wie die Blumen, in Gewächshäu sern herangezogen, schnell, unerbittlich gedüngt, einem einzigen Zwecke dienstbar: Ein letzter Gruß, drei Tage mindestens haltbar.
Der Sarg. Darin liegt Frank. Tot. Vor genau einer Woche habe ich noch mit ihm gesprochen, über dies und das, über die Arbeit, über das bevorste hende Wochenende. Er müsse mal wieder etwas mit Bettina unternehmen. Die Krise, die sie wo chenlang beredet haben, sei fast beendet. Vermut lich nicht durch eine Lösung, sondern durch Er müdung, durch ständiges Reden im Kreise. Zum Schluss: Mach es gut. Selber auch. Grüße an Bettina.
Im Sarg liegt Frank. Wirklich? Der Sarg ist ge schlossen. Man wird ihn nicht wieder öffnen. Von hier aus geht es zum ausgegrabenen Loch, rituel les Einsenken, fertig. Man wird sich nicht mehr überzeugen können, ob Frank in der Kiste liegt 7
Oder ein anderer oder niemand. Man könnte hier derart über den Tisch gezogen werden, unglaub lich. Aber warum sollte man so etwas tun? Der Gedanke entwickelt sich nur, weil man das Unmögliche erhofft. Im Sarg liegt möglicherwei se jemand, den man nicht kennt. Und man sitzt hier und verfolgt Franks letzte Reise. Aber Frank spaziert unterdessen an einem Seeufer entlang, ist lebendig und vergnügt. Irgendwann trifft man Frank wieder, erzählt ihm die ganze Geschichte. Frank schlägt sich auf die Schenkel, lacht: Das könnte euch so passen, ich lebe noch, quickleben dig, ich gebe mir noch ein paar Jahrzehnte. So schnell noch nicht, bitte sehr. Man hört geradezu seine Art zu sprechen, seine Stimme, das unentwegt auftrumpfend Positive, diese ständige Dominanz, Einwände und Zöger lichkeiten hinwegfegend. Zweifellos liegt Frank im Sarg, niemand sonst, oder das, was von Frank übrig geblieben ist. Bei meinem Anruf bei Bettina sagte sie, der Beerdigungsunternehmer habe da von abgeraten, Frank noch einmal anzusehen. Behalten Sie ihn so in Erinnerung, wie Sie ihn 8
Zuletzt gesehen haben, hatte er gesagt. Ich habe mich daran gehalten, hatte Bettina durchs Tele fon seltsam teilnahmslos mitgeteilt. Aber ich bin unsicher. Tue, was der Mann gesagt hat, habe ich geant wortet. Ob Bettina sich den Sarg noch einmal hat öffnen lassen? Ich werde sie später danach fra gen.
Was mag da in der Kiste liegen? Frank, zweifel los Frank. Aber welcher Frank? Ein Frank, der in der Nacht von Donnerstag auf Freitag gegen halb drei in einer leichten Kurve von der Fahrbahn ab gekommen ist, aus ungeklärten Gründen, so die Samstagszeitung, und seitlich gegen einen Baum geschleudert wurde. Die Feuerwehr musste ihn aus dem Wagen schweißen. Der Unfallarzt konnte nur noch den Tod des Fahrers feststellen.
Eine relativ kleine Meldung auf der Lokalseite mit einem Foto eines völlig zerstörten Fahrzeu ges, vermischt mit längeren Meldungen über die Entwicklung eines neuen Baugebietes und über die 25JahrFeier irgendeines Autohauses und an 9
Deres. Ich habe das Foto gesehen, überflogen, wieder so ein Idiot gemurmelt, die nächste Seite aufge faltet. Ich hätte auf dem Foto Franks Wagen er kennen müssen. Aber nein. Es kommen doch ver lässlich immer nur Menschen ums Leben, die man nicht kennt.
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